Nicht jeder hat die Möglichkeit, eine ganze Pferdeherde sein Eigen nennen zu können und diese auf dem eigenen Grundstück so zu managen, wie es für die Pferde am besten ist.
Bei nur einem eigenen Pferd bin ich auf andere Pferdehalter bzw. Pensionsstallbetreiber angewiesen, um meinem Pferd ein artgerechtes Leben bieten zu können.
Pferde sind Gewohnheitstiere und für viele Tiere bedeutet es enormen Stress, wenn sie ihre gewohnte Umgebung verlassen müssen. Gründe für einen Stallwechsel gibt es dennoch viele.

Ich habe also einen neuen Stall ausgewählt, mein Pferd (hoffentlich) gut vorbereitet verladen, an den ersten Tagen am neuen Stall viele Eindrücke gesammelt und dann ist es soweit, mein Pferd ist in seine neue Familie „gesteckt“ worden.
Wie erkenne ich nun, ob ich den richtigen Stall und die passende Herde für mein Pferd ausgewählt habe?

Haltungskonzept Offenstall:

Bei einem Umzug in ein Haltungssystem, in dem die Pferde in der Regel rund um die Uhr zusammen sind (Offenstall, Laufstall, Aktivstall, Paddock-Trail o.Ä.) sind die Anforderungen an die neue Herdenstruktur erhöht, da in diesem System rangniedrige Pferde keinen Platz haben, an dem sie wirklich sicher sind und entspannen können. (Ausnahme: Shettis mit shetti-großem Durchschlupf)
Die wenigsten Offenställe/Trails sind so weitläufig, dass sich Pferde wirklich dauerhaft aus dem Weg gehen können. Gerade zu Fütterungszeiten wird von uns Menschen häufig verlangt, dass die Pferde sich an bestimmten Stellen zusammen finden und dort gemeinsam fressen.
Auch für ranghohe Pferde kann dies Stress bedeuten, da die Chefrolle nicht nur Vorteile wie uneingeschränkter Zugang zu Futter und Wasser mit sich bringt, sondern auch eine große Verantwortung bedeutet. Ein neues Pferd wird oftmals erst mal als Bedrohung für die Herde eingeschätzt, das auf Abstand gehalten oder bekämpft werden muss.

Wann sollte eine Integration ab- oder unterbrochen werden?

Die Integration sollte umgehend abgebrochen werden, wenn ein Tier ernsthafte Verletzungen davon trägt und in der Folge nicht sofort Entspannung in der Gruppe zu sehen ist.
Aber es muss nicht zwingend eine ernsthafte Verletzung auftreten, auch kleinere Verletzungen über einen längeren Zeitraum sollten einem Pferd nicht zugemutet werden.
Hierbei ist allerdings zu beachten, dass gerade unter Wallachen häufig viel und intensiv gespielt wird, und dabei auch öfter kleinere Macken auftreten.

Möglich ist auch, dass ein Pferd keine Verletzungen erleidet, weil es immer sehr auf der Hut ist und sofort das Weite sucht, wenn ein (oder alle) ranghöheres Pferd näher kommt. Dieses Pferd ist dann zwar körperlich unversehrt, aber psychisch extrem gestresst.

Beobachte dein Pferd genau, ist es ausgeglichen? Wie reagiert es auf deinen Plan, es zum Reiten von dem Paddock zu holen, wie reagiert es, wenn du es wieder zurück in die Herde bringst? Zeigt es eine allgemeine Unruhe, ist es verspannt, zeigt plötzlich Widersetzlichkeiten beim Reiten? Sämtliche negativen Veränderungen KÖNNEN ein Hinweis darauf sein, dass dein Pferd in der neuen Situation unglücklich und/oder gestresst ist.

Viele Pferde leiden still. Wenn du dein Pferd noch nicht lange kennst, oder dein Pferd ohnehin immer etwas in sich gekehrt ist, musst du ganz besonders auf Veränderungen achten.

Woran erkenne ich eine erfolgreiche Integration?

Die wirkliche Gewöhnung an einen neuen Stall, eine neue Herde sowie einen neuen Tagesablauf kann durchaus einige Zeit in Anspruch nehmen. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann dies 12 Monate in Anspruch nehmen.
Wenn mein Pferd beim gemeinsamen Fressen von den anderen akzeptiert wird, ist dies schon ein gutes Zeichen. Nach spätestens einer Woche sollte ein gewisses Maß an Ruhe in der Herde eingekehrt sein. Verdrängungen vom Fressplatz o.Ä. dienen der Klärung der Rangfolge, und sofern diese ohne gesteigerte Aggression ausgeübt werden, werden sie auch keine negativen Folgen für das rangniedrigere Pferd haben.
Gemeinsames Grasen ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, wenn der Neuankömmling den Unterstand betreten darf, sind die ersten Unklarheiten meist schon beseitigt. Wälzen, Ruhen oder sogar Liegen des Neuzugangs im geringen Abstand zu den anderen Pferden, gemeinsames Wandern sowie natürlich die gegenseitige Fellpflege sind ein Zeichen für den Beginn einer engen Bindung.

Boxenhaltung

In einem Haltungssystem, in dem die Pferde den Großteil des Tages in Einzelboxen oder Paddocks verbringen, ist das Verhältnis zu den unmittelbaren (Boxen-)Nachbarn, aber natürlich auch der Rest der Stallgasse (o.Ä.) wichtig zu beobachten. Gibt es dort ständig Streitereien zwischen Boxennachbarn oder andere Stressfaktoren für mein Pferd?
Für die gemeinsame Zeit in der Herde auf der Wiese gelten prinzipiell die gleichen Anforderungen wie bei der Integration in einem Offenstall. Allerdings ist bei einer unpassenden Gruppenkonstellation hier der Faktor Zeit insofern auf der Seite meines Pferdes, als dass es in der Box sicherer ist und daher dennoch täglich zumindest die Chance hat, sich auszuruhen.

 

Bist du ein Frühaufsteher? Dann hast du bestimmt diesen einen Nachbarn, der um 23 Uhr noch Regale an die Wand bohrt oder laute Musik hört.
Bist du eher ein Langschläfer oder besser gesagt Spätaufsteher? Dann hast du garantiert einen Nachbarn, der morgens um 6 Uhr gut gelaunt laut unter der Dusche singt.
Hast du Nachbarn, die ständig grillen und die ganze Gegend vollräuchern? Welche, die sich nackt im Garten sonnen, während du deine Kollegen zum Nachmittagskaffee auf deine Terrasse eingeladen hast?
Dir fallen bestimmt Personen ein, deren Anwesenheit für dich, sagen wir mal „eine Herausforderung“ wären.
Du kannst dann mit diesen Leuten sprechen, um Verständnis bitten, oder zur Not umziehen.
Dein Pferd nicht.

 

Leider kommt es nicht selten vor, dass eine Integration eigentlich gescheitert ist. Da aber kein offener Konflikt da zu sein scheint, übersieht der Mensch das Leiden leichter, wenn er sein Pferd nicht so gut kennt.
Es haben ja auch nur wenige Leute die Möglichkeit, ihre Pferde rund um die Uhr in der Herde zu beobachten. Und dass mal Rangeleien da sind, kommt in den besten Familien/Herden vor.
Und wenn der Mensch vor Ort ist, gibt es evtl. zusätzlich noch Konkurrenz um Futter oder Aufmerksamkeit.
Platzangebote und finanzielle Mittel sind in der Regel begrenzt. Selbst wenn man einen guten Platz gefunden hat, ist das keine Garantie, dass alles so bleibt wie es ist. Vielleicht möchte sich ein Besitzer der anderen Pferde beruflich verändern und mitsamt Pferd umziehen, Herdenkumpels versterben oder es wird eine Schnellstraße neben den Stall gebaut.

Es liegt hier in der Verantwortung eines jeden Pferdebesitzers, die Emotionen seines Pferdes zu studieren und genau zu beobachten um abschätzen zu können, ob die gewählte Haltungsform und die aktuelle Pferdegruppe passend sind.
Jeder Stall ist ein Kompromiss. Es gibt bei jeder Haltungsform, bei jedem Pensionsbetrieb pro und contra. Aber es liegt in der Verantwortung eines jeden Pferdehalters, die Wahl nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne seines Pferd zu treffen.

Also dann: Auf gute Nachbarschaft!

 

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